In dieser Nacht hat mein Wecker um kurz vor drei geklingelt. Kein gewöhnlicher Arbeitsbeginn für mich, aber genau darum ging es: verstehen, wie der Arbeitsalltag in der Backstube wirklich aussieht! Denn dort arbeitet jeden Tag die potenzielle Zielgruppe unseres Projektes, die wir erreichen möchten.
Als ich die Backstube betreten habe, lief die Arbeit bereits auf Hochtouren. Ich habe mich bewusst für die Nachtschicht entschieden, zugeschaut, nachgefragt und mit angepackt. So konnte ich einen sehr guten Einblick in die verschiedenen Arbeitsprozesse und das Miteinander in einer Backstube bekommen. Der Teig wurde zunächst für die die Brötchen portioniert. Eier wurden aufgeschlagen, getrennt, mit hochwertigen Zutaten weiterverarbeitet und zu köstlichem Kuchen gebacken. Zwischendurch wurden fertige Produkte für den Transport zu den Verkaufsstellen vorbereitet: Kisten gepackt und die Tour geplant.
Mit handwerklichem Geschick, Kreativität und viel Leidenschaft haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den frühen Morgenstunden eine Vielzahl an unterschiedlichsten Handgriffen und Aufgaben in der Backstube gemeistert, während die meisten von uns für gewöhnlich schlafen. Nach dem Backen wurden die Auslieferungsfahrzeuge beladen und ich durfte gemeinsam mit dem Bäckermeister, Ronny Schlotzhauer, eine Filiale mit frischen Backwaren beliefern. Was mich besonders beeindruckt hat: Wie viel Präzision und Erfahrung in diesen scheinbar routinierten Abläufen stecken. Vom richtigen Gefühl beim Kneten über das exakte Zusammenspiel der Zutaten bis hin zur Einstellung und Belüftung des Ofens. Es ist ein Handwerk, das Konzentration, Feinmotorik und ein tiefes Verständnis für Prozesse verlangt.
Nach meiner Nachtschicht haben wir Besuch vom Senior-Chef bekommen, der mir ein Buch über die Geschichte der Bäckerei gezeigt und erzählt hat, wie sich das Bäckerhandwerk aus seiner Sicht entwickelt hat. Dabei habe ich nicht nur etwas über den heutigen Arbeitsalltag gelernt, sondern auch über das Bäckerhandwerk zu DDR-Zeiten. Diese Erzählungen haben mir deutlich gemacht, wie stark das Handwerk von regionalen und historischen Kontexten geprägt ist und wie viel Erfahrungswissen über Generationen weitergegeben wird. Die Bäckerei befindet sich in der 4. Generation und hat aktuell 3 Filialen und 15 Mitarbeitende. Gleichzeitig wurden in den Gesprächen auch die aktuellen Herausforderungen der Praxis sehr deutlich. Bürokratische Anforderungen wie die Bonpflicht oder das Erfassen statistischer Daten kosten Zeit und Nerven. Der Fachkräftemangel ist allgegenwärtig, gerade im ländlichen Raum. Die Bäckerei wird in dritter Generation geführt und hat schon einige Höhen und Tiefen erlebt.
Besonders im Kopf geblieben ist mir aber auch etwas anderes: die Wertschätzung für die Produkte. Wenn man einmal gesehen hat, wie viele Schritte, wie viel Können und wie viel körperliche Arbeit in einem einzelnen Brötchen stecken, dann isst man es anders. Bewusster! Mit mehr Respekt vor den Menschen, die nachts arbeiten, damit wir morgens frische Backwaren haben.
Für unsere Projektarbeit war diese Nacht unglaublich wertvoll. Sie hat mir nicht nur geholfen, die Anforderungen und Bedarfe viel konkreter zu verstehen. Sie hat auch gezeigt, wie wichtig es ist, wirklich zuzuhören. Die Menschen vor Ort haben ihre Erfahrungen geteilt, ihre Herausforderungen offen angesprochen und deutlich gemacht, wo sie sich Unterstützung wünschen. Genau hier setzen wir u.a. mit der Qualifizierung von Weiterbildungsmentor/-innen an.
Denn solche Angebote können ein wichtiger Baustein sein, um Betriebe zu stärken: Sie können helfen, Mitarbeitende zu binden, Arbeitsplätze attraktiver zu gestalten und Wissen über Generationen hinweg gezielt weiterzugeben. Gerade im ländlichen Raum ist eine modulare, teilweise digitale Qualifizierung entscheidend, weil Zeit und Ressourcen für lange Abwesenheiten oft schlicht nicht vorhanden sind. Und vielleicht genauso wichtig: Diese Zusammenarbeit schafft Begegnung auf Augenhöhe. Es geht nicht darum, „von außen“ Lösungen vorzugeben, sondern gemeinsam zu entwickeln, was in der Praxis wirklich gebraucht wird. Quasi eine Qualifizierung entwickelt mit und für die Praxis!
Ach ja – und gebacken haben wir übrigens auch: regionale Spezialitäten wie Berg-und-Thal und Zwiebelsploatz. In diesem Moment habe ich mich wieder an meine Kindheit zurückerinnert, in der ich es mit viel Freude mit meinen Großeltern gegessen habe.
Diese Nacht war anstrengend, aber vor allem war sie ein echter Perspektivwechsel. Dank des Teams der Bäckerei Schlotzhauer in Oechsen, die mir diese Einblicke ermöglicht hat und zwischen dem Backen Zeit gefunden hat meine Fragen zu beantworten.
Im Laufe des Projektes freue ich mich auf weitere Praxiseinblicke, ob in der Backstube oder hinter der Ladentheke.
Lena (Projektreferentin, ZDB, Berlin)